Eurythmie ist Sprache, die in sichtbare Bewegung des physischen Leibes umgesetzt wird – in Arm-, Hand- oder Fußstellungen und -Bewegungen. Sie ist wesentlich eine Betätigung des Seelischen, das vor allem durch die Hände und Arme zum Ausdruck kommt und das auf Geist und Leib zurückwirkt.
Grundelemente sind Gebärden und Gesten als die in Bewegung umgewandelten Laute unserer Sprache, die je nach Indikation und therapeutischer Zielsetzung ganz spezifisch angewandt werden können.

In der menschlichen Entwicklungsgeschichte waren die einzelnen Laute immer mit Bewegungen des Leibes verbunden, während wir heute sprechen, ohne die Sprache noch viel mit entsprechenden Bewegungen zu begleiten. In der Eurythmie aber holen wir die Bewegungen wieder heran, die mit den Vokalen und Konsonanten verbunden waren.


Eurythmie
Jeder Laut und jede Bewegung steht dabei in einer bestimmten Wirkungsbeziehung zu Vorgängen in unserem Organismus. Vokale drücken dabei mehr dasjenige aus, was im Inneren des Menschen lebt an Gefühlen und Emotionen – wir offenbaren uns gewissermaßen im Vokal, während Konsonanten eher das äußerlich Gegenständliche ausdrücken.

Die empfindende Seele kann sich so auf verschiedene Weise mit ihrem eigenen Leib und mit der Außenwelt verbinden, wodurch in gesunder Weise auf den menschlichen Organismus und auf die menschliche Seelenverfassung gewirkt wird. Die Bewegung holt den Menschen in der Eurythmie ganz aus dem Inneren heraus – der geistig-seelische Mensch soll übergehen in äußere, sinnlich wahrnehmbare Bewegung. Das Wesen des Eurythmischen ist es auch, das Innere sich nach außen bewegen zu lassen.

Rudolf Steiner bezeichnete die Eurythmie auch als „seelisches Turnen“, wobei die Eurythmie im Unterschied zu Turnübungen den Menschen seinem Wesen gemäß die Bewegung nach außen so ausführen lässt, wie sie der Organismus selbst fordert, während die Gymnastik und das Turnen vorwiegend das Äußere des Menschen mit der Außenwelt verbinden. Die Eurythmie ist damit ihrem Wesen nach eine plastische Gestaltung des Organismus. Das Turnen dagegen lebt in Statik und Dynamik des Organismus.

„Das ist der Unterschied zwischen der Gymnastik und der Eurythmie: Die Eurythmie läßt das seelische Leben nach außen fließen und wird dadurch zu einer wirklichen Äußerung des Menschen, wie die Sprache, sie ist eine sichtbare Sprache. Durch das Turnen, die Gymnastik, den Sport fügt sich der Mensch in den äußeren Raum hinein, paßt sich der Welt an, probiert, ob er so und so in die Welt hineinpaßt. Das ist nicht eine Sprache, das ist nicht eine Offen-barung des Menschen, sondern das ist eine Forderung der Welt an den Menschen, daß er für die Welt tüchtig sein kann, daß er sich in die Welt hineinfinden kann.“ (Rudolf Steiner)

Den Vokalen und Konsonanten entsprechen jeweils bestimmte eurythmische Gesten und Gebärden. So werden beim A die Arme weit geöffnet und nach oben, nach vorne oder nach unten gestreckt, während das R mit einem von oben nach unten rollenden Kreisen der Arme verbunden wird.

Die Heileurythmie wird auf Grundlage der ärztlichen Diagnose verordnet: Die Laute und Gesten werden entsprechend dem diagnostizierten Krankheitsbild ausgewählt. Sie kann so gezielt wie ein Medikament wirken - bis in die Funktion einzelner Organe und Organsysteme hinein.


Eurythmie
Eingesetzt wird die Heileurythmie bei akuten, chronischen und degenerativen Erkrankungen, bei kindlichen Entwicklungsstörungen und in der Heilpädagogik, Psychosomatik sowie in der Prävention und Gesundheitsförderung.

In Waldorfschulen ist Eurythmie zudem ein Unterrichtsmittel, das beim Kind und jungen Menschen die Verbindung des Seelischen mit dem Leiblichen entfaltet und die Entwicklung des eigenen Willens unterstützt.

„Die Schwierigkeit im Verständnis der Eurythmie liegt eben darinnen, daß das europäische Verständnis eingefroren ist in der ruhenden Form und im Grunde genommen in der Bewegung nicht mehr leben kann. Aber die ruhende Form sollen wir der Natur lassen. Wenn wir an den Menschen herankommen, müssen wir, da der Mensch über die ruhende, rein sinnlich anschaubare Form hinausgeht, eben in die Bewegung hinein.“ (Rudolf Steiner)